Ernährung

Lakritz in der Schwangerschaft: Glycyrrhizin macht den Unterschied

Echte Lakritz enthält Glycyrrhizin aus der Süßholzwurzel, das den Blutdruck erhöht und Cortisol zum Baby gelangen lässt. EFSA-Schwelle: 100 mg pro Tag. 50 g normale Lakritz reichen, bei Starklakritz schon 10-25 g.

Mamenza-Redaktion
Zuletzt geprüft · 8 Min. Lesezeit
Inhaltlich abgeglichen mitBfR·BZgA·DGE·EFSA
Lakritz

Du hast spontan in eine Tüte Lakritz gegriffen und liest jetzt im Internet panische Warnungen. Die wichtigste Antwort vorab: eine einzelne Tüte ist kein Drama, regelmäßiger Verzehr in der Schwangerschaft ist aber problematisch und solltest du konsequent vermeiden.

Verantwortlich ist Glycyrrhizin aus der Süßholzwurzel, ein Wirkstoff, der den Blutdruck erhöht und das Stresshormon Cortisol bei deinem Baby ansteigen lässt. EFSA und SCF nennen 100 mg Glycyrrhizin pro Tag als allgemeine Orientierung, und viele Frauenärztinnen raten Schwangeren ganz zur Pause.

Was du jetzt bei diesem Thema tun kannst

Drei einfache Routinen halten dich auf der sicheren Seite, ohne dass du komplett auf jeden Lakritz-Geschmack verzichten musst.

1. Etikett auf „Süßholz" prüfen

Echte Lakritz erkennst du an „Süßholzextrakt", „Süßholzwurzel" oder „Glycyrrhiza glabra" in der Zutatenliste. Aroma-Lakritz, Anis- und Fenchel-Bonbons schmecken oft ähnlich, enthalten aber kein Süßholz und sind sicher.

2. Skandinavische Spezialitäten meiden

Salmiakki, Tyrkisk Peber, Djungelvrål und ähnliche Starklakritzen sind besonders konzentriert. Schon kleine Mengen reichen für die Tagesgrenze. Auch Lakritzliköre wie Sambuca, Pastis und Ouzo sind doppelt tabu, wegen Glycyrrhizin und Alkohol in der Schwangerschaft.

3. Bei Bluthochdruck oder Beschwerden die Praxis kontaktieren

Wer einmalig zu viel erwischt hat, kann gegensteuern. Diese Punkte sind wichtig:

  • Bewusst Wasser trinken in den nächsten Stunden, das hilft beim Ausgleich
  • 1-2 Tage auf Schwellungen, Kopfschmerzen und Augenflimmern achten
  • Bei Schwangerschafts-Bluthochdruck: Frauenärztin anrufen und Blutdruck messen
  • Lakritz danach für den Rest der Schwangerschaft konsequent weglassen
  • Süßes Bedürfnis mit Datteln, Anisplätzchen oder Beeren stillen

Warum Lakritz in der Schwangerschaft kritisch ist

Der Wirkstoff heißt Glycyrrhizin und steckt in der Wurzel der Süßholzpflanze. Er ist 30 bis 50 Mal süßer als Haushaltszucker, mit einem ganz spezifischen Wirkmechanismus. Glycyrrhizin hemmt im Körper das Enzym 11β-HSD2.

Dieses Enzym hat in der Schwangerschaft eine wichtige Schutzfunktion: es baut in der Plazenta das mütterliche Stresshormon Cortisol ab, damit es nicht ungebremst zum Baby gelangt. Wenn das Enzym gehemmt ist, erreicht mehr Cortisol den kindlichen Kreislauf. Das ist der eigentliche Mechanismus hinter den Lakritz-Studien.

Die finnische Forschungsgruppe um Katri Räikkönen hat Kinder von Müttern beobachtet, die in der Schwangerschaft viel Lakritz gegessen hatten. In früheren Arbeiten der Gruppe zeigten diese Kinder erhöhte Cortisolreaktionen; in der Nachuntersuchung 2017 fanden sich keine Cortisolunterschiede mehr, aber häufiger Aufmerksamkeitsprobleme (Odds Ratio rund 3,3) und bei Mädchen weiter fortgeschrittene Pubertätszeichen.

„Viel" bedeutete in dieser Kohorte mehr als 500 mg Glycyrrhizin pro Woche, das entspricht etwa 250 g normaler Lakritz. Hinzu kommt das Risiko für eine Frühgeburt: In derselben finnischen Geburtenkohorte wurde ein Zusammenhang zwischen hohem Lakritzkonsum und einer Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche beobachtet. Auch das Geburtsgewicht lag tendenziell niedriger.

Wie viel Lakritz ist zu viel? Die EFSA-Schwelle

Die EFSA hat 2018 eine Obergrenze für die tägliche Aufnahme von Glycyrrhizin abgeleitet: 100 mg pro Tag, für alle Erwachsenen. Schwangere und Menschen mit Bluthochdruck sollen deutlich darunter bleiben. Der Glycyrrhizingehalt hängt stark vom Produkt ab.

Ein wichtiger Anhaltspunkt steht auf der Packung: Produkte mit mehr als 200 mg Glycyrrhizin pro 100 g müssen in Deutschland als „Starklakritz" gekennzeichnet sein. Normale Lakritz liegt darunter, Starklakritz teils weit darüber. Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Werte.

ProduktGlycyrrhizin je 100 g100-mg-Grenze ab
Normale Lakritzmeist unter 100 mg50-100 g
Starklakritz, Salmiaküber 200 mgschon kleine Mengen
Süßholz-Teevariabelnur gelegentlich
Lakritzlikörplus Alkoholkomplett meiden
Aroma-Lakritz0 mgnicht relevant

Die Tabelle macht den Unterschied zwischen Standard- und Starklakritz besonders deutlich. Genau hier liegt der häufigste Rechenfehler im Alltag, denn Starklakritz wirkt schon in kleinen Portionen.

Schon eine knappe Handvoll normaler Lakritz kann die EFSA-Tagesschwelle von 100 mg Glycyrrhizin erreichen. Bei Starklakritz und Salmiakki genügen deutlich kleinere Mengen.

SCF (2003) und EFSA (2008): Bewertung von Glycyrrhizinsäure, Orientierung 100 mg/Tag

Praktisch heißt das: wer in der Schwangerschaft hin und wieder ein einzelnes Lakritzbonbon isst, muss sich keine Vorwürfe machen. Wer aber regelmäßig eine Tüte am Abend leert, liegt schnell deutlich über der Schwelle. BfR und EFSA raten Schwangeren zu höchstens kleinen, gelegentlichen Mengen oder ganz zur Pause.

Wo überall Glycyrrhizin drinsteckt, und wo nicht

„Lakritz" ist im Supermarkt ein Sammelbegriff geworden. Manche Produkte enthalten echtes Süßholzextrakt, andere schmecken nur durch Aromen lakritzig.

Echte Lakritz mit Glycyrrhizin findest du in:

  • Klassische Lakritzschnecken, Pastillen und Salmiakdrops mit „Süßholzextrakt" in der Zutatenliste
  • Skandinavische Spezialitäten: Salmiakki, Tyrkisk Peber, Djungelvrål
  • Lakritzliköre, Pastis, Sambuca, Ouzo
  • Süßholz-Tees, Halsbonbons mit Süßholz, manche Magen-Darm-Tees
  • Einige pflanzliche Hustensäfte und ayurvedische Präparate

Anis- und Fenchel-Bonbons schmecken oft ähnlich, enthalten aber meist kein Süßholz. Wenn du die typische Aroma-Note magst, sind sie eine sichere Alternative. Auch reiner Fencheltee oder Anisplätzchen sind unproblematisch. Bei Misch-Tees lohnt sich der Blick auf die Zutatenliste, „Süßholz" oder „liquorice" steht dort meistens am Anfang.

Was tun, wenn du versehentlich zu viel gegessen hast?

Erste Beruhigung: eine einzelne Tüte echte Lakritz in der frühen Schwangerschaft ist kein Grund zur Panik. Die Studien betrachten regelmäßigen, hohen Konsum über Wochen oder Monate. Eine einmalige Episode hat in den Daten keinen klar messbaren Effekt.

Bei sehr hohen Mengen, also über 200 g echte Lakritz an einem Tag oder wiederholtem Konsum, ist ein Telefonat mit der Praxis sinnvoll. Ein kurzer Blutdruck-Check und gegebenenfalls eine Kalium-Bestimmung im Blut klären, ob alles im grünen Bereich ist.

Stillzeit, Wochenbett und langfristige Strategie

In der Stillzeit entspannt sich die Lage etwas, ganz weg ist Glycyrrhizin aber nicht. Der Wirkstoff geht in geringen Mengen in die Muttermilch über. Bei kleineren Mengen Lakritz pro Woche ist das nach aktueller Datenlage unproblematisch, regelmäßiger hoher Konsum kann jedoch beim Säugling den Mineralhaushalt beeinflussen. Embryotox empfiehlt in der Stillzeit moderaten Umgang.

Im Wochenbett greift dein Körper anders auf Salz und Wasser zu. Wer in dieser Phase oft Wassereinlagerungen hat oder mit dem Blutdruck kämpft, lässt Lakritz besser noch sechs bis acht Wochen weiter weg. Sobald sich der Blutdruck stabilisiert hat, kannst du wieder normal essen, idealerweise mit Maß.

Die 5 häufigsten Fehler bei Lakritz in der Schwangerschaft

Im Beratungsalltag tauchen immer wieder dieselben Stolpersteine auf. Diese fünf Fehler kannst du leicht vermeiden, wenn du sie kennst.

  1. Salmiakki und Tyrkisk Peber unterschätzen. Skandinavische Starklakritzen sind besonders konzentriert. Schon kleine Mengen reichen für die Tagesgrenze.
  2. Süßholz-Tee als „Kräutertee" einordnen. Zwei bis drei Tassen am Tag überschreiten die 100-mg-Schwelle. Auch in Misch-Tees taucht Süßholz oft auf, immer die Zutatenliste prüfen.
  3. Aroma-Lakritz und echte Lakritz verwechseln. Aroma-Lakritz ist sicher, echte Lakritz nicht. Der Etiketten-Check „Süßholz" entscheidet.
  4. Bei Bluthochdruck-Vorgeschichte trotzdem konsumieren. Wer ohnehin zu hohem Blutdruck neigt, sollte komplett verzichten. Glycyrrhizin verstärkt das Risiko für eine Präeklampsie.
  5. Lakritzlikör als „nur ein Schluck" abtun. Sambuca, Pastis und Ouzo enthalten zusätzlich Alkohol, der in der Schwangerschaft keine sichere Mindestmenge hat. Doppelt tabu.

Häufige Fragen zu diesem Thema

Die Fragen, die zu diesem Thema am häufigsten gestellt werden.

Eine kleine Menge gelegentlich, etwa ein bis zwei Bonbons, gilt nach BfR und EFSA als unbedenklich. Problematisch wird es bei regelmäßigem Verzehr. Die EFSA-Tagesschwelle liegt bei 100 mg Glycyrrhizin, das erreichst du schon mit einer knappen Handvoll normaler Lakritz. Wer Bluthochdruck oder Risikofaktoren für eine Präeklampsie hat, lässt Lakritz besser ganz weg.

Sicher ist alles ohne echtes Süßholz. Aroma-Lakritz in Eis, Pralinen oder Gebäck ist meist synthetisch hergestellt und enthält kein Glycyrrhizin. Auch Anis- und Fenchel-Bonbons sind unbedenklich. Die Zutatenliste verrät es: nur wenn dort „Süßholzextrakt" oder „Glycyrrhiza glabra" steht, ist Vorsicht geboten.

Eine einzelne Tüte ist kein Drama. Trink in den nächsten Stunden bewusst Wasser, beobachte 1-2 Tage Blutdruck und Schwellungen, ab jetzt verzichtest du konsequent. Glycyrrhizin kann den Blutdruck heben und Wasser einlagern, deshalb gehst du bei Bluthochdruck-Vorgeschichte direkt zur Frauenärztin.

Das Glycyrrhizin im Süßholz hemmt ein Enzym in der Plazenta, das normalerweise das Stresshormon Cortisol vom Baby fernhält. So gelangt mehr Cortisol zum Kind. Finnische Studien fanden bei hohem Konsum dreifach erhöhte Cortisolwerte, häufiger Aufmerksamkeitsprobleme und ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten.

Bei einzelner Anwendung ja, regelmäßig nicht. Wer mehrere Tage hintereinander Halsbonbons mit Süßholz lutscht, kann die Tagesschwelle erreichen. Frage in der Apotheke gezielt nach süßholzfreien Alternativen wie Salbei oder Eibisch.

Kleine Mengen ja, regelmäßiger hoher Konsum nicht. Glycyrrhizin geht in geringen Mengen in die Muttermilch über. Embryotox empfiehlt in der Stillzeit moderaten Umgang, gelegentliche Bonbons sind unproblematisch.

Stand: Juni 2026. Wir aktualisieren diesen Artikel regelmäßig.

Mehr aus Ernährung