Glossar

Lakritz in der Schwangerschaft

Echte Lakritz enthält Glycyrrhizin aus der Süßholzwurzel. Schon kleine Mengen können den Blutdruck erhöhen und das Risiko für Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht steigern. Was du wissen solltest und welche Produkte tabu sind.

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Mamenza Redaktion · Redaktion
Medizinisch geprüft 24. April 2026
· 14 Min. Lesezeit ·
Hero foto · Vrouw met thee bij raam

Echte Lakritz schmeckt wie Kindheit, aber in der Schwangerschaft ist sie eine Quelle, die du besser kennst, bevor du in die Tüte greifst. Verantwortlich ist Glycyrrhizin aus der Süßholzwurzel, ein natürlicher Wirkstoff, der den Blutdruck erhöht, das Stresshormon Cortisol bei deinem Baby ansteigen lässt und in Studien mit Frühgeburten und niedrigerem Geburtsgewicht in Verbindung gebracht wurde. Die EFSA nennt 100 mg Glycyrrhizin pro Tag als kritische Schwelle, viele Frauenärztinnen raten in der Schwangerschaft komplett zur Pause.

Warum Lakritz in der Schwangerschaft kritisch ist

Der Wirkstoff, um den es geht, heißt Glycyrrhizin. Er steckt in der Wurzel der Süßholzpflanze und ist 30 bis 50 Mal süßer als Haushaltszucker. Glycyrrhizin hemmt im Körper das Enzym 11β-HSD2. Dieses Enzym hat in der Schwangerschaft eine wichtige Schutzfunktion: Es baut in der Plazenta das mütterliche Stresshormon Cortisol ab, damit es nicht ungebremst zum Baby gelangt. Wenn das Enzym gehemmt ist, erreicht mehr Cortisol den fetalen Kreislauf, und genau das ist der Mechanismus, der Lakritz in der Schwangerschaft so heikel macht.

Bei der Mutter führt Glycyrrhizin zu Wassereinlagerungen, Kaliumverlust und einem messbaren Anstieg des Blutdrucks. Wer ohnehin zu hohem Blutdruck neigt, gerät schneller in den Bereich, der die Vorstufe einer Präeklampsie darstellt. Die finnische Forschungsgruppe um Katri Räikkönen hat über mehrere Jahre Kinder von Müttern beobachtet, die in der Schwangerschaft viel Lakritz gegessen hatten. Die Kinder zeigten im Schulalter häufiger Aufmerksamkeitsprobleme als Kinder ohne Lakritzbelastung. Auch die Pubertät trat bei Mädchen messbar früher ein. Die Studienlage ist konsistent genug, dass das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Schwangeren empfiehlt, regelmäßigen Verzehr zu meiden.

Hinzu kommt das Risiko für Frühgeburten. In einer großen finnischen Geburtenkohorte wurde ein Zusammenhang zwischen hohem Lakritzkonsum und einer Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche beobachtet. Auch das Geburtsgewicht lag tendenziell niedriger. Mehr Hintergrund findest du im Frühgeburts-Ratgeber.

Wie viel Lakritz ist zu viel? Die EFSA-Schwelle

Die EFSA hat 2018 eine Obergrenze für die tägliche Aufnahme von Glycyrrhizin abgeleitet: 100 mg pro Tag. Schwangere und Menschen mit Bluthochdruck sollen deutlich darunter bleiben. In Lakritzprodukten variiert der Glycyrrhizingehalt stark:

  • Normale Lakritz: rund 200 mg Glycyrrhizin pro 100 g, 50 g reichen für die Obergrenze.
  • Starklakritz / Salmiaklakritz: 400 bis über 1.000 mg pro 100 g, schon 10 bis 25 g sind problematisch.
  • Lakritzlikör, Sambuca, Pastis: enthalten Süßholzextrakt zusätzlich zum Alkohol.
  • Süßholz-Tee: zwei bis drei Tassen täglich überschreiten die 100-mg-Schwelle. Auch bei Kräutertees lohnt der Blick auf die Zutatenliste.

Praktisch heißt das: Wer in der Schwangerschaft hin und wieder ein einzelnes Lakritzbonbon isst, muss sich keine Vorwürfe machen. Wer aber regelmäßig eine Tüte am Abend leert, liegt schnell deutlich über der Schwelle. BfR und EFSA raten Schwangeren zu höchstens kleinen, gelegentlichen Mengen oder ganz zur Pause. Auch Koffein wird bei kombinierter Belastung relevant, weil beide Substanzen den Blutdruck beeinflussen.

Wo überall Glycyrrhizin drinsteckt, und wo nicht

„Lakritz" ist im Supermarkt ein Sammelbegriff geworden. Manche Produkte enthalten echtes Süßholzextrakt, andere schmecken nur durch Aromen lakritzig.

Echte Lakritz mit Glycyrrhizin findest du in:

  • klassischen Lakritzschnecken, Lakritz-Pastillen, Salmiakdrops und Produkten mit „Süßholzextrakt", „Süßholzwurzel" oder „Glycyrrhiza glabra" in der Zutatenliste
  • skandinavischen Spezialitäten wie Salmiakki, Tyrkisk Peber, Djungelvrål
  • Lakritzlikören, Pastis, Sambuca, Ouzo
  • Süßholz-Tees, Halsbonbons mit Süßholz, manchen Magen-Darm-Tees
  • einigen pflanzlichen Hustensäften und ayurvedischen Präparaten

Anis- und Fenchel-Bonbons schmecken oft ähnlich, enthalten aber meist kein Süßholz. Wenn du die typische Aroma-Note magst, sind sie eine sichere Alternative. Auch reiner Fencheltee oder Anisplätzchen sind unproblematisch. Bei Misch-Tees lohnt sich der Blick auf die Zutatenliste, „Süßholz" oder „liquorice" steht dort meistens am Anfang. Lakritz-Aromen in Backwaren sind in der Regel synthetisch nachgebaut und vernachlässigbar; Zucker ist ein eigenes Thema und kein Lakritz-Argument.

Was tun, wenn du versehentlich zu viel gegessen hast?

Erste Beruhigung: Eine einzelne Tüte echte Lakritz in der frühen Schwangerschaft ist kein Grund zur Panik. Die Studien, die einen Zusammenhang mit Frühgeburt und kindlicher Entwicklung zeigen, betrachten regelmäßigen, hohen Konsum über Wochen oder Monate. Eine einmalige Episode hat in den Daten keinen klar messbaren Effekt.

Konkret heißt das für dich:

  • Trink in den nächsten Stunden bewusst Wasser, das hilft beim Ausgleich der Wassereinlagerungen.
  • Achte ein bis zwei Tage auf Warnzeichen: stark geschwollene Hände oder Gesicht, Kopfschmerzen, Augenflimmern, Schwindel oder ein deutlich erhöhter Blutdruck. Das sind Symptome, die zu einer Präeklampsie passen können.
  • Wenn du ohnehin Schwangerschaftsbluthochdruck oder Vorerkrankungen am Herz-Kreislauf-System hast, melde dich bei deiner Frauenärztin und lass den Blutdruck messen.
  • Streiche Lakritz danach für den Rest der Schwangerschaft konsequent von der Liste.

Bei sehr hohen Mengen (über 200 g echte Lakritz an einem Tag, wiederholter Konsum) ist ein Telefonat mit der Praxis sinnvoll. Die Checkliste für den Arztbesuch hilft dir, die richtigen Fragen mitzunehmen.

Stillzeit, Wochenbett und langfristige Strategie

In der Stillzeit entspannt sich die Lage etwas, ganz weg ist Glycyrrhizin aber nicht. Der Wirkstoff geht in geringen Mengen in die Muttermilch über. Bei kleineren Mengen Lakritz pro Woche ist das nach aktueller Datenlage unproblematisch, regelmäßiger hoher Konsum kann jedoch beim Säugling den Mineralhaushalt beeinflussen. Embryotox empfiehlt in der Stillzeit moderaten Umgang.

Im Wochenbett greift dein Körper anders auf Salz und Wasser zu. Wer in dieser Phase oft Wassereinlagerungen hat oder mit dem Blutdruck kämpft, lässt Lakritz besser noch sechs bis acht Wochen weiter weg. Sobald sich der Blutdruck stabilisiert hat, kannst du wieder normal essen, idealerweise mit Maß.

Langfristig lohnt sich ein ehrlicher Blick auf den eigenen Konsum. Wenn du vor der Schwangerschaft fast täglich Lakritz gegessen hast, hilft eine alternative Süßigkeit: dunkle Schokolade, getrocknete Datteln, Anisplätzchen, gefriergetrocknete Beeren. Unsere Übersicht zur Schwangerschaftsernährung bündelt die wichtigsten Lebensmittel-Themen, etwa rohes Fleisch, Rohmilch, Sushi oder Leber. Wenn du dich gerade in Schwangerschaftswoche 12, Woche 20 oder Woche 28 befindest, findest du dort die passenden ernährungsbezogenen Schwerpunkte für dein Trimester.