Der Mutterpass ist dein wichtigstes Dokument in der Schwangerschaft. Du bekommst ihn bei der ersten Vorsorge von deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt und solltest ihn bis nach der Geburt immer dabei haben. Auf 16 Seiten dokumentiert er deine Befunde, Laborwerte, drei Ultraschall-Untersuchungen und alle wichtigen Eckdaten, damit jede Hebamme, jede Klinik und jede Ärztin im Notfall sofort weiß, wo ihr steht.
Viele der Eintragungen wirken kryptisch: Abkürzungen wie ED, Para 0/1, B-Befund oder Symphysen-Fundusabstand verunsichern beim ersten Lesen. Dieser Ratgeber erklärt Seite für Seite, was im Mutterpass steht, was die Werte bedeuten und worauf du selbst achten kannst, ohne dass du dich in jede Tabelle einarbeiten musst.
Was ist der Mutterpass und warum bekommst du ihn?
Der Mutterpass ist ein bundesweit einheitliches Dokument, das auf den Mutterschafts-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) basiert. Sobald deine Schwangerschaft bestätigt ist, stellt deine Frauenärztin den Pass aus, meist um die Woche 6 bis Woche 10 herum, wenn die Herztöne erstmals nachweisbar sind.
Der Sinn ist einfach: alle relevanten Befunde stehen an einem Ort, in einer für jede Geburtshilfe-Einrichtung verständlichen Form. Wenn du in der 32. Woche auf einer Reise einen Notfall hast, kann jedes Krankenhaus mit einem Blick erkennen, ob du eine Präeklampsie-Anamnese, einen Gestationsdiabetes oder andere Risiken hast. Genau deshalb gilt: der Mutterpass gehört in deine Tasche, nicht in die Schublade.
Der Pass bleibt während der gesamten Schwangerschaft bei dir. Deine Frauenärztin trägt nach jeder Vorsorge-Untersuchung die aktuellen Werte ein. Auch deine Hebamme darf bestimmte Felder ausfüllen, etwa wenn sie die Vorsorge teilweise übernimmt. Geht der Pass verloren, stellt die Praxis einen Ersatzpass aus.
Was steht auf welcher Seite?
Der Mutterpass hat eine feste Struktur. Hier ein Überblick, was dich erwartet:
- Seite 2: Serologische Untersuchungen. Hier werden Blutgruppe, Rhesusfaktor, Antikörpersuchtest, Röteln-Immunität, Lues-Suchreaktion (Syphilis) und, nach deiner Zustimmung, der HIV-Test dokumentiert.
- Seite 3: Erste Vorsorge-Untersuchung und Anamnese. Persönliche Daten, frühere Schwangerschaften und Geburten, Familiengeschichte und chronische Erkrankungen werden erfasst.
- Seite 4: Anamnese und allgemeine Befunde. Abgeschlossene Operationen, Allergien, Medikamenteneinnahme, Beruf und psychosoziale Belastungen.
- Seite 5: Besondere Befunde im Verlauf. Hier landen Risiken aus der Anamnese sowie Auffälligkeiten in der laufenden Schwangerschaft (Katalog A und B).
- Seite 6: Gravidogramm. Eine Tabelle, in der bei jeder Vorsorge Blutdruck, Gewicht, Symphysen-Fundus-Abstand, Hb-Wert, Eiweiß und Zucker im Urin sowie Fetalherztöne festgehalten werden.
- Seite 7-8: Kommentare und besondere Beobachtungen. Platz für Notizen, Auffälligkeiten und Verlaufsdokumentation.
- Seite 9-12: Ultraschall-Untersuchungen. Drei standardmäßige Screenings sind vorgesehen, um Woche 9-12, Woche 19-22 und Woche 29-32.
- Seite 13: Cardiotokographie und Doppler-Befunde, soweit veranlasst.
- Seite 14: Abschluss-Untersuchung und Geburtshilfe. Wird in der Klinik nach der Geburt ausgefüllt.
- Seite 15-16: Erste Untersuchung und zweite Untersuchung nach der Entbindung. Nachsorge-Befunde im Wochenbett.
Du musst den Pass nicht von vorn bis hinten verstehen, um sicher durch die Schwangerschaft zu kommen. Trotzdem hilft es, die wichtigsten Eintragungen einordnen zu können, damit du Fragen stellen kannst, wenn etwas auffällt.
Abkürzungen und Begriffe verstehen
Die Eintragungen im Mutterpass sind kompakt und folgen einer eigenen Sprache. Die wichtigsten Begriffe einmal in Klartext:
- ED (Errechneter Termin). Der voraussichtliche Geburtstermin, berechnet nach der Naegele-Regel: erster Tag der letzten Periode plus sieben Tage minus drei Monate plus ein Jahr. Ein Ultraschall in der Frühschwangerschaft korrigiert den Termin gegebenenfalls. Mehr dazu unter Schwangerschaftswoche.
- Gravida. Die Anzahl aller bisherigen Schwangerschaften, einschließlich Fehlgeburten und Abbrüchen. Eine "Gravida 2" ist also zum zweiten Mal schwanger.
- Para. Die Anzahl der ausgetragenen Geburten ab der 24. Woche. "Para 0" bedeutet: noch keine Geburt. "Para 1" steht für ein bereits geborenes Kind.
- SSW. Schwangerschaftswoche, gezählt ab dem ersten Tag der letzten Regelblutung.
- SFA (Symphysen-Fundus-Abstand). Die in Zentimetern gemessene Strecke vom Schambein bis zum oberen Rand der Gebärmutter. Sie wächst etwa parallel zur SSW und dient als grobe Verlaufskontrolle.
- FHF / FHT. Fetalherzfrequenz beziehungsweise Fetalherztöne. Werden ab etwa Woche 12 bei jeder Vorsorge dokumentiert.
- Hb-Wert. Der Hämoglobin-Wert im Blut, gemessen in g/dl. Liegt er zu niedrig, prüft die Frauenärztin auf Eisenmangel.
- RR. Riva-Rocci, die Maßeinheit des Blutdrucks. Werte über 140/90 mmHg sind kontrollbedürftig und können auf eine Präeklampsie hindeuten.
Die Buchstaben A und B auf Seite 5 sind keine Schulnoten, sondern Codes aus dem Befundkatalog der Mutterschafts-Richtlinien. Katalog A umfasst anamnestische Risiken (etwa frühere Frühgeburten, schwere Erkrankungen, Mehrlingsschwangerschaften in der Vorgeschichte). Katalog B sammelt Befunde, die im aktuellen Schwangerschaftsverlauf auftreten, Blutdruckanstieg, Wachstumsabweichungen, vorzeitige Wehen, auffällige Laborwerte. Eine Eintragung in B bedeutet nicht automatisch ein Problem, aber sie zeigt, dass etwas dokumentations- und beobachtungswürdig ist. Die Liste umfasst rund 50 Items, von Anämie bis vorzeitiger Wehentätigkeit.
Welche Werte werden bei jeder Vorsorge eingetragen?
Das Gravidogramm auf Seite 6 ist das Herzstück deines Mutterpasses. Hier siehst du auf einen Blick, wie sich Schwangerschaft entwickelt. Bei jedem Termin werden mindestens diese Werte erhoben:
- Blutdruck. Soll im Schwangerschaftsverlauf stabil bleiben. Plötzliche Anstiege sind ein Warnzeichen.
- Gewicht. Eine durchschnittliche Gewichtszunahme liegt zwischen 10 und 16 kg über die gesamte Schwangerschaft, abhängig vom Ausgangsgewicht. Sehr starke Sprünge prüft deine Frauenärztin.
- Eiweiß im Urin. Auch das ist ein Frühwarnzeichen für eine Präeklampsie.
- Zucker im Urin. Ein erhöhter Wert kann auf Gestationsdiabetes hinweisen. Der eigentliche Test (oGTT) findet zwischen Woche 24 und Woche 28 statt.
- Hämoglobin. Ein niedriger Hb-Wert zeigt eine mögliche Anämie an.
- Symphysen-Fundus-Abstand. Wächst die Gebärmutter wie erwartet?
- Fetalherztöne. Frequenz und Regelmäßigkeit, ein guter Indikator für das Wohl deines Babys.
- Kindslage. Ab der 30. Woche zunehmend relevant: Schädellage, Beckenendlage oder Querlage.
- Ödeme und Beschwerden. Werden bei Auffälligkeiten zusätzlich vermerkt.
Drei Ultraschall-Untersuchungen sind im Standardprogramm verankert: das Erste-Trimester-Screening um Woche 10, die Feindiagnostik um Woche 20 und die dritte Untersuchung um Woche 30. Auf den Seiten 9-12 werden Schädel-Steiß-Länge, biparietaler Durchmesser, Femurlänge, Bauchumfang sowie Fruchtwassermenge und Plazenta-Position dokumentiert. Manche dieser Befunde wirken zunächst beunruhigend, etwa eine "tiefliegende Plazenta" in Woche 20 -, klären sich im weiteren Verlauf aber meist von selbst.
Praktischer Umgang im Alltag
Der Mutterpass ist mehr als ein Aktenordner. Mit ein paar Routinen wird er zum verlässlichen Begleiter:
- Immer dabei haben. Egal ob Reise, Wochenende oder Notaufnahme, der Pass gehört in die Tasche. Klinikpersonal kann mit deinem Pass sofort die richtigen Entscheidungen treffen.
- Eine Kopie zu Hause aufbewahren. Fotografiere den Pass nach jeder Vorsorge oder mache eine Fotokopie. Geht das Original verloren, sind die Werte rekonstruierbar.
- Fragen aufschreiben. Was du zwischen den Terminen nicht verstehst, notierst du auf einem Zettel im Pass. So vergisst du beim nächsten Termin nichts.
- Eintragungen lesen. Nach jedem Termin einmal kurz selbst durchgehen. Steht da etwas, das dir unklar ist? Dann lieber gleich nachfragen, statt zu googeln.
- Neuer Pass, wenn alt voll. Bei Mehrlingsschwangerschaften oder vielen Eintragungen wird gegebenenfalls ein zweiter Pass ergänzt, die Praxis kümmert sich darum.
- Datenschutz. Der Mutterpass enthält sensible Gesundheitsdaten. Gib ihn nur an medizinisches Fachpersonal weiter, das ihn auch wirklich braucht.
Nach der Geburt bleibt der Pass bei dir. Auf den letzten Seiten dokumentieren Klinik und Hebamme Geburtsverlauf, Geburtsgewicht, Apgar-Werte und die Wochenbett-Befunde. Auch bei einer späteren weiteren Schwangerschaft kann der frühere Pass wertvoll sein, etwa wenn du auf ältere Befunde wie eine zurückliegende Präeklampsie oder einen Gestationsdiabetes hinweisen möchtest.
Häufige Fragen
Die Fragen, die werdende Eltern uns am häufigsten stellen.
Deine Frauenärztin stellt einen Ersatzpass aus. Aktuelle Werte werden aus den Praxisakten übertragen, frühere Eintragungen anderer Praxen oder Kliniken sind nicht immer rekonstruierbar. Genau deshalb hilft eine Foto-Kopie nach jeder Vorsorge enorm, im Zweifel rettet sie wichtige Verlaufsdaten.
Der HIV-Test ist freiwillig und nur mit deiner ausdrücklichen Zustimmung möglich. Im Mutterpass steht lediglich, ob der Test durchgeführt wurde, nicht das Ergebnis. So bleibt deine Privatsphäre auch dann geschützt, wenn der Pass in fremde Hände gerät. Gleichzeitig ist der Test medizinisch sinnvoll, weil eine frühe Behandlung das Übertragungsrisiko auf das Baby auf nahe Null senkt.
Katalog B sammelt Befunde, die im aktuellen Schwangerschaftsverlauf auftreten und beobachtet werden sollten, zum Beispiel Blutdruckanstieg, Wachstumsverzögerung oder vorzeitige Wehen. Ein B-Eintrag ist nicht zwangsläufig dramatisch, signalisiert aber, dass deine Schwangerschaft engmaschiger begleitet wird. Welche konkrete Konsequenz daraus folgt, bespricht deine Frauenärztin mit dir.
Ja. Hebammen dürfen die meisten Vorsorge-Untersuchungen eigenständig durchführen und die entsprechenden Felder im Mutterpass ausfüllen. Lediglich Ultraschall und einige Laboruntersuchungen sind ärztlichen Praxen vorbehalten. In der Praxis teilen sich Hebamme und Frauenärztin die Vorsorge oft auf.
Ja, der Mutterpass ist bundesweit standardisiert und unabhängig von der Versicherung. Privat Versicherte erhalten den gleichen Pass mit den gleichen Inhalten, Abrechnungsfragen werden separat geregelt.
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Stand: April 2026 – wir aktualisieren diesen Artikel regelmäßig.
